unsere zeit - Zeitung der DKP26. September 2003

Marxistische Theorie und Geschichte

Die Wittorf-Affäre 1928
Vor 85 Jahren erschütterte die "Wittdorf-Affäre" die KPD
Ausläufer noch heute?

I. Der historischer Hintergrund

Die Affäre entfaltete sich im September 1928 auf Grund von Meinungsverschiedenheiten in der Führung der KPD und der Kommunistischen Internationale zur Stabilität des Kapitalismus und zur Einschätzung der Klassenkräfte am Vorabend der Weltwirtschaftskrise. Diese Diskussion und ihre Ergebnisse hatten weitgehende Auswirkungen auf taktische Fragen des Klassenkampfes, sowohl auf die Anwendung der Einheitsfrontpolitik zur Eroberung der Mehrheit der Arbeiterklasse als auch in der Gewerkschaftsfrage. Hier ging es vor allem darum, ob man sich bei Streikkämpfen den reformistischen Gewerkschaftsführern unterordnen soll, wenn sie dazu übergingen Streikkämpfe abzuwürgen und Kommunisten aus den Gewerkschaften ausschlossen. Das hieß, wieweit die Meinung Lenins noch zutrifft, unbedingt und vorbehaltlos in den Gewerkschaften zu verbleiben.

Die Mehrheit des deutschen ZK folgte 1928 den Thesen der IX. (Februar)-Tagung des EKKI und des IV. RGI-Kongresses (vom 17. 3. bis 3. 4. 1928), die auf eine neue Einschätzung der Stabilität des Kapitalismus orientierten und, damit verbunden, eine neue Taktik zur Einheitsfrontpolitik sowie in der Gewerkschaftsfrage vorschlugen.

Die neue Orientierung ging von der Einschätzung aus, dass sich der Kapitalismus einer Krise nähert, und dass es damit zu einer Radikalisierung und Revolutionierung der Massen kommt in deren Folge die Stabilität des Einflusses der SPD und der reformistischen Gewerkschaftsführer auf die Arbeitermassen schwinden werde.

Das März-Plenum und das Juni-Plenum 1928 des ZK der KPD folgten diesen Thesen und schlussfolgerte, dass diese Entwicklung günstig sei, um durch eine entschlossene Entlarvung der Politik der sozialdemokratischen Partei- und Gewerkschaftsführer die Abwendung sozialdemokratischer Arbeiter von diesen Führern zu beschleunigen. Daher wäre es auch falsch, mit ihnen zu paktieren. Die Einheitsfrontpolitik sollte sich künftig auf die Einheitsfront von unten mit den sozialdemokratischen Arbeitern orientieren. Demzufolge sollten Wirtschaftskämpfe auch gegen den Willen und den Widerstand der Gewerkschaftsführung ausgelöst und von den Arbeitern selbständig (unter Führung der RGO) organisiert werden.

Wilhelm Pieck hat 1935 auf dem 13. Parteitag der KPD darauf hingewiesen, dass dieser Einschätzung folgende Fehler zugrunde lagen, die in der praktischen Politik der KPD zu sektiererischen Erscheinungen führten: Die "Neuorientierung" ging von einer falschen Analyse des Kräfteverhältnisses und auch der gegnerischen Strategie aus, in ihr wurde der Grad und das Tempo der Radikalisierung der Massen überschätzt und die Festigkeit des Einflusses der reformistischen Führer auf die Massen unterschätzt. Falsch war es auch, alle linken Sozialdemokraten schematisch als "gefährlichste Feinde" in der Arbeiterbewegung abzustempeln, weil sie der Hinwendung sozialdemokratischer Arbeiter zur KPD als Hemmschuh entgegenwirken würden.

Diese im Vorfeld und auf dem VI. Weltkongress der KI diskutierte und letztlich beschlossene "Neuorientierung" kommunistischer Strategie war Gegenstand der Meinungsverschiedenheiten innerhalb der KPD. Die Träger der Kritik der "Neuorientierung" kamen aus zwei Strömungen: Einmal aus dem Lager der Anhänger Heinrich Brandlers und August Thalheimers, die sich auf Beschluss des EKKI und des ZK der KPD noch in der UdSSR befanden und denen es untersagt worden war, sich in der KPD politisch zu betätigen. Sie wurden von Erich Hausen und Galm repräsentiert, und zweitens von der Gruppe um Arthur Ewert, zu der Gerhart Eisler, Hugo Eberlein und andere gehörten.

Die Kritik beider Gruppenvertreter war jedoch im politischen Reifegrad und in ihrer Zielrichtung unterschiedlich. Die Brandleristen nahmen weitgehend sozialdemokratische Positionen ein und wollten Thälmann aus der Parteiführung verdrängen, während die Ewert-Gruppe ihre Kritik vor allem auf "linke "Überspitzungen" konzentrierte, die Beschlüsse des VI. Weltkongresses aber grundsätzlich unterstützten. In der Gewerkschaftsfrage lehnte sie jedoch jeden Versuch ab, eigene kommunistische Gewerkschaften aufzubauen.

In dieser Zeit der Austragung dieser Meinungsverschiedenheiten, die in der KPD bis nach dem VI. KI-Weltkongress andauerten, kommt es zur "Wittorf-Affäre". Sie stellte sich sehr rasch als eine Aktion dar, die sich gegen die Träger der Politik der "Neuorientierung" richtete.

II. Der Skandal oder die Entwicklung der Affäre

Wittorf war Politischer Sekretär des Bezirks Wasserkante, ZK-Mitglied und KPD-Kandidat zu den Reichstagswahlen. Er hatte 1 500 RM unterschlagen, die von Angestellten der sowjetischen Handelsvertretung in Hamburg für den Reichstagswahlkampf gesammelt worden waren. Als Thälmann von der Unterschlagung informiert wurde, befand sich die Partei im Wahlkampf. Der Parteivorsitzende befürchtete durch eine Veröffentlichung der Affäre negative Folgen für die Partei und orientierte zunächst darauf, dass Wittorf einen Schuldschein unterschreibt und die Schulden bezahlt. Solche "internen Regelungen" stellten ein Verfahren in der KPD dar, das nicht unüblich war, wenn Unterschlagungen aufgedeckt wurden. Leider gab es davon einige. Es lag daher eigentlich kein triftige Grund vor, die Unterschlagung Wittorfs Thälmann anzulasten, es sei denn, sie als politische Intrige zu benutzen. Und so entwickelten sich die Hamburger Ereignisse zur "Wittorf-Affäre", den Antikommunisten als "Thälmann-Skandal" hochspielten. Dazu konzentrierten sich Thälmanns Gegner darauf, ihm vorzuhalten, dass er weder das Politbüro noch das ZK über Wittorfs Unterschlagung informiert habe. Den Grund für seine Haltung, den Thälmann benannte: er wollte die Partei im Wahlkampf nicht belasten und auch seinen "Widersachern" in der Parteiführung keinen Vorwand geben den innerparteilichen Meinungsstreit subjektiv zuzuspitzen, ignorierten sie. Thälmanns Absicht die Partei vor einem Skandal zu schützenden, wendete sich so gegen ihn.

Als am 26. September 1928 das ZK zusammentrat, waren bereits auf einer erweiterten Sitzung der Bezirksleitung Wasserkante und auf einer Politbüro-Sitzung harte Vorwürfe von Hugo Eberlein gegen Thälmann erhoben worden. Die Rechten in der Partei stellten daraufhin in der ZK-Tagung umgehend den Antrag, Thälmann aus der Partei auszuschließen. Dieser Antrag wurde zwar von der Ewert-Gruppe formell nicht unterstützt, doch sie unterließ es zunächst auch, sich davon zu distanzieren.

Thälmann erkannte seinen Fehler im Politbüro und vor dem ZK vorbehaltlos an und beantragte statutengemäß eine Beratung in den Organen des EKKI, zumal er auch Mitglied dessen Präsidiums war. Wittorf wurde einhellig aus der KPD ausgeschlossen. Doch Thälmanns Widersacher wollten sich jedoch mit dieser Regelung nicht zufrieden geben und strebten vor der Diskussion im EKKI eine öffentliche Parteidiskussion in der KPD an. Sie konnten sich mit dem Antrag, den "Hamburger Vorfall" umgehend in der "Roten Fahne" zu veröffentlichen, im ZK durchsetzen. Der nach heftiger Diskussion beschlossene Text erschien am nächsten Tag im KPD-Zentralorgan. Die kolportierte These über einen einheitlichen ZK-Beschluss in dieser Frage lässt sich durch die vorliegenden Dokumente nicht belegen.

Politisch kam dieser Beschluss zur Veröffentlichung der Beschuldigung Thälmanns nicht nur einer gezielten Diskriminierung des Parteivorsitzenden gleich, sondern musste der Partei, die sich in der Kampagne zum Volksbegehren gegen den Bau deutscher Panzerkreuzer befand, erheblichen Schaden zufügen. Zugleich war das EKKI politisch desavouiert worden. So wurde das auch vom Präsidium des EKKI aufgefasst, das erst aus der "Roten Fahne" über diese Vorgänge erfuhr. Auch die deutschen (KPD)-Vertreter beim EKKI, die dem ZK angehörten, Fritz Heckert und Walter Ulbricht, waren nicht unterrichtet worden. Ihre Proteste gegen den ZK-Beschluss, den sie für falsch hielten, erfolgten umgehend.

Das Präsidium des EKKI beschloss am 30. 9. 1928, nach einer "fliegenden Abstimmung" den Ausschluss Wittorfs zu bestätigen, und ermahnte das ZK der KPD, bevor eine weitere Diskussion in der Partei stattfindet, die Prüfung des Präsidiums abzuwarten und die Partei voll und ganz auf das Volksbegehren gegen Panzerkreuzerbau und auf Kampagne gegen SPD zu konzentrieren.

Dennoch die Partei war informiert und einige Bezirksleitungen berichteten dem ZK, wie die Stimmung vor Ort war. So schrieb am 4. 10. 1928 die Bezirksleitung Baden:

"... (Zur) Stimmung unter Arbeitern und Mitgliedern: Der Artikel (in der Roten Fahne) erweckte bei den Genossen den Eindruck, dass die Maßnahme gegen den Genossen Thälmann als zu scharf betrachtet werden. ... Auch die Hetze der SPD, die Ausnützung des Falles für ihre Zwecke, verfehlte unter den Arbeitern ihre Wirkung. Allerdings kann nicht verhehlt werden, dass die Angelegenheit einige Nachwirkungen auf das Volksbegehren haben wird ...". Die BL Württemberg berichtete: Die Mitglieder der Partei und des RFB meinen, dass die Verfehlungen des Genossen Thälmann nicht so schlimm seien "... aber durch die Ausnützung von Gruppenströmungen innerhalb der Partei zu einer Hetze oder einem Kesseltreiben gegen Thälmann aufgebauscht worden sei. In diesem Sinne schilderte auch die SPD-Presse die Hamburger Vorgänge als einen Cliquenkampf im ZK ..." Gleich nach dem ZK-Beschluss schrieb ein Redakteur der "Roten Fahne" an das Politbüro: es war richtig, den Fall dem EKKI zu überweisen, die Veröffentlichung während des Volksbegehrens "stellt eine Schädigung der Partei dar", die Argumente dazu sind nicht stichhaltig, "jeder Prolet, mit dem ich nach der Veröffentlichung des Beschlusses in Berührung kam, drückte mehr oder weniger seine Empörung über dieses ´offenbar fraktionelle Manöver´ aus. Ich glaube, dass es von Wert für das Politbüro ist, diese Stimmung in der Mitgliedschaft der Partei kennen zu lernen".

Auch unter den ZK-Mitgliedern fanden nach der Tagung weiter heftige Debatten über die politischen Auswirkungen ihres eigenen Beschlusses zur Veröffentlichung vor einer Prüfung durch das EKKI statt. Im Verlauf dieser Aussprachen distanzierten sich schließlich 26 ZK-Mitglieder von ihrem Beschluss. Einige ZK-Mitglieder meinten, die politischen Auswirkungen ihres Beschlusses nicht rechtzeitig erkannt zu haben, andere erklärten, mit den Fakten einfach überrollt worden zu sein.

Parallel dazu fand unter den sowjetischen EKKI-Mitgliedern ein Meinungsaustausch statt, der darauf hinauslief, dem EKKI-Präsidium vorzuschlagen, Thälmanns Fehler zu kritisieren, ihn aber in seinen Funktionen zu belassen. Sie führten als Argumente an, dass Thälmanns Motiv für seine Handlung darin bestand, Schaden von der Partei abzuwenden, und zweitens habe er ein großes Ansehen in der deutschen Arbeiterklasse und seine politischen Fähigkeiten als Führer der größten kommunistischen Partei in Westeuropa seien unverzichtbar und rechtfertigen eine Suspendierung wegen der nicht erfolgten Information des ZK über diese Unterschlagung nicht.

Vom 2. bis 6. Oktober 1928 tagte die Deutsche Kommission des EKKI. Im Ergebnis einer heftigen Debatte an der sich auch EKKI-Mitglieder anderer kommunistischer Parteien beteiligten und in der Ewert und Eberlein ihre Meinung nochmals vortrugen, wurde ein Resolutionsentwurf für die anschließende Sitzung des Präsidiums zur Beschlussfassung formuliert. Das Präsidium billigte am 6. 10. 1927 die Resolution, nachdem die Sachlage nochmals erörtert worden war. Ewert, Eberlein und Pieck stimmten ihr nicht zu. Pieck betonte in seiner Erklärung, dass er der Resolution zugestimmt hätte, wenn in ihr nur Thälmann das Vertrauen ausgesprochen worden wäre; doch die in der Resolution enthaltenen Übertreibungen und die Ausnutzung der Affäre zu organisatorischen Maßnahmen in den innerparteilichen Meinungsverschiedenheiten veranlassten ihn, seine Zustimmung nicht zu geben.

Pieck hatte vom Beginn der Affäre an versucht, die Diskussion über Wittorfs Unterschlagung von den innerparteilichen Auseinandersetzungen sorgsam zu trennen. Dieser Versuch Piecks scheiterte am Verhalten der Rechten. Doch ebenso wie die Rechten in der Partei diese Unterschlagung Wittorfs ausnutzen wollten, hat die Mehrheit des EKKI-Präsidiums mit ihrer Resolution diese Affäre benutzt, um die Meinungsverschiedenheiten in der KPD schließlich mit organisatorischen Maßnahmen zu beenden.

III. Die Parteiabstimmung

Die Resolution des EKKI-Präsidiums veröffentlichte die Rote Fahne am 9. Oktober 1928. Sie wurde in der Partei zur Diskussion gestellt. Wenn auch die Verschärfung der Resolution, die Pieck kritisierte, von den sowjetischen EKKI-Mitgliedern und auch von Stalin ausging, so ist die These Webers, dass es Stalin war, der Thälmanns Sturz verhinderte, eine bewusste Fälschung. Die Parteidiskussion belegt: über Thälmann als Parteivorsitzender entschieden die Mitglieder der KPD. Das Ergebnis der Parteiabstimmung war, dass sich weit über 80 Prozent der Parteimitglieder und Funktionäre zu Thälmann bekannten und der EKKI-Resolution zustimmten. Sie entsprachen damit einer Stimmung, die ebenfalls unter vielen Arbeitern, die politisch mit der KPD sympathisierten, vorherrschte. Wir meinen, die politische Entscheidung der KPD-Mitglieder für Ernst Thälmann (und damit gegen Heinrich Brandler und August Thalheimer) hat sich als richtig erwiesen.

Eberhard Czichon/Heinz Marohn


(Nach einem Vortrag in der Gedenkstätte Ernst Thälmann in Hamburg. Alle Quellenangaben zu den ausgewerteten Dokumenten können von den Autoren abgefordert werden.)