unsere zeit - Zeitung der DKP 13. April 2007

Wirtschaft, Gewerkschaft, Soziales

"Lohnnebenkosten": Phantomschmerzen des Kapitals
Argumente zur Tarifrunde - aus marxistischer Sicht

Diese Arbeiter, die sich stückweis verkaufen müssen, sind eine Ware wie jeder andre Handelsartikel und daher gleichmäßig allen Wechselfällen der Konkurrenz, allen Schwankungen des Marktes ausgesetzt. (Karl Marx / Friedrich Engels)

Neulich, irgendwo auf irgendeiner Betriebsversammlung: der Unternehmer dankt den "lieben Mitarbeitern" für ihre Leistungen. Er zeigt "Verständnis", dass die Beschäftigten für gute Arbeit auch gute Löhne erwarten. Aber er bittet auch um Verständnis für die "Zwänge" der Konkurrenz und der "Globalisierung". Vor allem die "Lohnnebenkosten" seien in Deutschland einfach zu hoch.

In welchem Betrieb kommt an dieser Stelle nicht zumindest von Teilen der Belegschaft Zustimmung und Beifall? Die Mär von "hohen Lohnnebenkosten" wird seit Jahren in Deutschland so oft, von so vielen und an so vielen Stellen formuliert, dass sie zu einem Volksvorurteil wurde. Auch die DGB-Spitze erklärte zusammen mit den Unternehmerverbänden und der (damals noch SPD-Grünen-)Bundesregierung: "Die am Bündnis für Arbeit, Ausbildung und Wettbewerbsfähigkeit beteiligten Seiten streben vor allem an: 1. weitere dauerhafte Senkung der gesetzlichen Lohnnebenkosten; eine strukturelle Reform der Sozialversicherung..." (FR, 9. 12. 1998) Was aber sind eigentlich "Lohnnebenkosten", wie hoch sind sie wirklich, und wie wirkt ihre Senkung?

Die klatschenden KollegInnen denken dabei an die Beiträge zur Sozialversicherung (SV), die sie und ihr "Arbeitgeber" monatlich leisten. Sie denken an ihre Lohnabrechnung - und geben ihrem Chef recht, dass Staat und Sozialversicherung ihnen und ihm mehr Netto vom Brutto lassen sollte. Diese "gesetzlichen Lohnnebenkosten" lagen 2004 laut Statistischem Bundesamt in Deutschland bei 33 Euro auf 100 Euro Bruttolohn, also unter dem EU-Schnitt von 36 Euro (NOZ, 10. 2. 2007). Wohlgemerkt: "Arbeitgeber"- und "Arbeitnehmer"-Beitrag zusammen, das verschleiert z. B. die Neue Osnabrücker Zeitung mit der Formulierung "Hiesige Arbeitgeber zahlen ..."!

Direkte Sprachrohre des Kapitals wie das "Institut der Deutschen Wirtschaft" (der Unternehmerverbände) berechnen auch schon mal ca. 80 Prozent "Lohnnebenkosten": nämlich alle Lohnbestandteile, die nicht direkt für "geleistete Arbeit" gezahlt werden - neben den SV-Beiträgen also auch Urlaubs- und Weihnachtsgeld, Feiertagsgeld, Lohnfortzahlung usw. ("tarifliche Lohnnebenkosten"). Sie berufen sich auf die Vorstellung vom Lohn als "Wert der Arbeit" (siehe UZ Nr. 13 - Marx: darauf "beruhn ... alle apologetischen Flausen der Vulgärökonomie"!). Doch auch diese Lohnbestandteile beruhen ebenso auf "geleisteter Arbeit" wie der Stundenlohn. Und: "Da Arbeitskräfte auch außerhalb der reinen Arbeitszeit leben", muss der Lohn (als Wert der Ware Arbeitskraft) "so hoch sein, dass auch diese Zeiten überstanden werden können." (R. Roth, S. 414). So ist z. B. das Urlaubsgeld ein unverzichtbarer Teil des Jahreseinkommens.

Doch liegt nicht zumindest die Senkung der SV-Beiträge tatsächlich im gemeinsamen Interesse von "Arbeitgeber" und "Arbeitnehmer"? Tatsächlich käme jeder hier eingesparte Euro zunächst den verfügbaren Nettolöhnen und -profiten zugute. Allerdings, für jeden Euro, den ich als Lohnarbeiter somit "spare", fehlen zwei Euro in den Sozialkassen. Ich "spare" also nur am Tag der Lohnabrechnung, aber nicht mehr, sobald ich krank, alt, arbeitslos oder pflegebedürftig werde. Um dann nicht weniger Leistungen zu erhalten, müsste ich "privat vorsorgen" - mit zwei Euro für jeden "eingesparten" Euro mehr Nettolohn.

"Die Erhöhung der Nettolöhne ist der Sand, den das Kapital den LohnarbeiterInnen in beide Augen streut. Individuell können sie Vorteile haben, solange sie nicht krank, arbeitslos oder alt sind. Insgesamt aber sind sie die Betrogenen. ... Sie zahlen die Senkung ihrer Beiträge und der ´Arbeitgeberbeiträge´ mit sinkenden Sozialleistungen und steigenden privaten Zuzahlungen. Ein schlechtes Geschäft." (R. Roth, S. 415/416).

Auch die Beiträge zur Sozialversicherung sind ein Teil des Wertes der Ware Arbeitskraft, ihrer Produktions- und Reproduktionskosten. Dieser Teil wird nur nicht individuell an den einzelnen Beschäftigten ausgezahlt, sondern kollektiv an die Sozialkassen zur Absicherung gegen das Risiko, im Falle von Krankheit, Alter oder Arbeitslosigkeit den Lebensunterhalt nicht mehr durch Arbeit bestreiten zu können.

Die Bilanzen unserer Kapitalisten kennen keine "Nebenkosten", sondern die "Lohn- und Gehaltssumme" (einschließlich der "Arbeitgeber"-Beiträge). Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung benutzt dafür den Begriff der "Arbeitnehmerentgelte". Der Begriff "Lohnnebenkosten" entpuppt sich so als schillernder "Kampfbegriff zur Lohnsenkung" (R. Roth, S. 413). Es gibt beim Lohn keine "Nebenkosten", sondern nur verschiedene Bestandteile. Und auch der Kampf gegen Sozialabbau muss Bestandteil des Lohnkampfes sein, mit allen dafür geeigneten Mitteln, einschließlich des Streiks.

Achim Bigus


Literatur: Rainer Roth, Nebensache Mensch, Frankfurt 2003, S. 413 ff.