unsere zeit - Zeitung der DKP 6. April 2007

Wirtschaft, Gewerkschaft, Soziales

Löhne, Preise und Profite
Argumente zur Tarifrunde - aus marxistischer Sicht

Woran messen wir die "Höhe" unserer Löhne, Gehälter und Ausbildungsvergütungen, wann betrachten wir sie als "hoch" oder als "niedrig"? Dafür gibt es verschiedene Maßstäbe.

Die Gewerkschaften argumentieren in jeder Tarifrunde mit drei Komponenten. Danach bilden zunächst die Preisentwicklung und die (gesamtwirtschaftliche) Steigerung der Produktivität zusammen den "verteilungsneutralen Spielraum" für höhere Einkommen, die also das Verteilungsverhältnis zwischen Arbeit und Kapital noch nicht zugunsten der Beschäftigten verändern. Eine zusätzliche (Um)Verteilungskomponente soll dann "Fehlentwicklungen" in diesem Verteilungsverhältnis korrigieren. Die durchgesetzten Tarifabschlüsse in Deutschland liegen allerdings seit Jahren meist unter dem "verteilungsneutralen Spielraum", von einer "Umverteilungskomponente" ganz zu schweigen.

Marx befasste sich 1848 in seinem vor Arbeitern gehaltenen Vortrag über "Lohnarbeit und Kapital" mit dieser Frage. Er stellt dort fest: "Der Arbeitslohn ... enthält verschiedene Beziehungen. Was die Arbeiter zunächst für ihre Arbeit erhalten, ist eine bestimmte Summe Geldes. Ist der Arbeitslohn nur durch diesen Geldpreis bestimmt?" Er untersucht die Auswirkungen von a) Preissteigerungen durch Geldentwertung, b) Preissteigerungen durch Verteuerung der Lebensmittel, z. B. durch Missernten und c) Preissenkungen durch steigende Produktivität und kommt zu dem Schluss: "Der Geldpreis der Arbeit, der nominelle Arbeitslohn, fällt also nicht zusammen mit dem reellen Arbeitslohn, d. h. mit der Summe von Waren, die wirklich im Austausch gegen den Arbeitslohn gegeben wird. Sprechen wir also vom Steigen oder Fallen des Arbeitslohnes, so haben wir nicht nur ... den nominellen Arbeitslohn im Auge zu halten."

Seit Jahrzehnten erleben wir trotz steigender Produktivität ein ständiges mehr oder weniger kräftiges Ansteigen der durchschnittlichen Verbraucherpreise. So ist diese Unterscheidung von Nominal- und Reallohn in das allgemeine Alltagsbewusstsein eingegangen. Die UZ brachte in ihrer letzten Ausgabe die Fakten zur Lohnentwicklung der letzten Jahre aus dem jüngsten isw-Wirtschaftsinfo 39 "Bilanz 2006". Danach mussten die Beschäftigten "im Jahr des größten Wirtschaftswachstums seit 2000 ... zugleich den höchsten Reallohnverlust hinnehmen", nämlich 2,0 Prozent allein gegenüber dem Vorjahr. Im langjährigen Vergleich sieht die Entwicklung nicht besser aus: gegenüber 2001 sind die Reallöhne um 2,4 Prozent gesunken. Laut Statistischem Bundesamt hatten die Privathaushalte 2005 real zwei Prozent weniger zur Verfügung als 1991, wobei einem Plus bei Selbständigen von sechs Prozent ein Minus bei Arbeitern von sieben Prozent gegenübersteht.

"Aber weder der nominelle Arbeitslohn, d. h. die Geldsumme, wofür der Arbeiter sich an den Kapitalisten verkauft, noch der reelle Arbeitslohn, d. h. die Summe Waren, die er für dies Geld kaufen kann, erschöpfen die im Arbeitslohn enthaltenen Beziehungen. Der Arbeitslohn ist vor allem noch bestimmt durch sein Verhältnis zum Gewinn, zum Profit des Kapitalisten - verhältnismäßiger, relativer Arbeitslohn. Der reelle Arbeitslohn drückt den Preis der Arbeit im Verhältnis zum Preise der übrigen Waren aus, der relative Arbeitslohn dagegen den Anteil der unmittelbaren Arbeit an dem von ihr neu erzeugten Wert im Verhältnis des Anteils davon, der der aufgehäuften Arbeit, dem Kapital, zufällt."

Der "Relativlohn" zeigt also, wie sich die von uns geschaffenen Werte zwischen Arbeit und Kapital, Lohn und Profit aufteilen - er ist der Maßstab für unsere Ausbeutung durch die Kapitalbesitzer. Ein Annäherungswert dafür ist die "(Brutto-) Lohnquote", also der Anteil der "Arbeitnehmerentgelte" (=Brutto-Lohn- und Gehaltssumme + Sozialbeiträge der Unternehmer) am gesamten Volkseinkommen, in der offiziellen Statistik, auch wenn diese durch die Betrachtung von Gastwirten, Änderungsschneidern und anderen Kleineigentümern als "Selbständige" und von formal angestellten Managern als "Arbeitnehmer" die wirklichen Verhältnisse beschönigt. Laut isw ist diese Brutto-Lohnquote seit 2000 jedes Jahr um ein Prozent gesunken und 2006 "auf ein historisches Tief gefallen: 66,2 Prozent. Damit liegt sie unter dem Wert von 1970 (67,3 Prozent). Hätten sich die Verteilungsrelationen gegenüber dem Jahr 2000 nicht geändert, dann wären auf das Arbeitnehmerentgelt 104 Milliarden Euro mehr entfallen. Pro Arbeitnehmer wäre das ein (Brutto-) Lohnplus von durchschnittlich 2 200 Euro im Jahr" (S.10/11). Gute Gründe für ein "Ende der Bescheidenheit".

Achim Bigus


Literatur: Karl Marx, "Lohnarbeit und Kapital", IV. Artikel, 7. April 1848 (MEW 6, S. 411-416), "Lohn, Preis und Profit", Kapitel 13 (MEW 16, S. 141-147), isw-Wirtschaftsinfo 39 "Bilanz 2006 - Ausblick 2007"