unsere zeit - Zeitung der DKP

11. Mai 2007


Marxistische Theorie und Geschichte


Hegemonie erringen! Antonio Gramsci heute - Von Harald Neubert

Auch auf der Marxismuskonferenz vom 20. bis 22. April 2007 in Berlin waren Gramscis Positionen Anknüpfungspunkt für Diskussionen über die Geschichte des Sozialismus, über Möglichkeiten, unter den heutigen gesellschaftlichen Bedingungen Mehrheiten zu gewinnen und das bestehende Kräfteverhältnis zu verändern.

In zwei Nummern der UZ vom 16. Februar und 23. Februar 2007 wurden bereits in einem längeren Beitrag von Gerhard Feldbauer das politische Wirken Antonio Gramscis (22. 1. 1891 bis 27. 4. 1937) und seine Bedeutung als marxistischer Theoretiker umfangreich gewürdigt.

Im folgenden Beitrag von Harald Neubert werden wichtige theoretische Beiträge Gramscis zum Marxismus, die aktuelle Bedeutung haben, etwas detaillierter betrachtet.

Nach der Oktoberrevolution und besonders nach Lenins Tod stellten sich den Kommunisten für die marxistische Theorie und den revolutionären Kampf vielfältige neue Aufgaben. So ging es darum, den historischen Platz der Revolution zu bestimmen, aus den russischen Erfahrungen allgemeine Lehren für andere Länder zu ziehen, die veränderte strategische Situation in der Welt generell und im Kapitalismus im Besonderen zu analysieren usw.

Zwei Momente verursachten für die nach der Oktoberrevolution im Kapitalismus wirkenden kommunistischen Parteien zu lösende Probleme – die Tatsache, dass die Revolution unter spezifischen historischen und nationalen Bedingungen stattgefunden hatte und ihre Erfahrungen somit nicht einfach auf andere Länder übertragen werden konnten, und die Tatsache, dass die Revolution keine internationale Ausdehnung erfuhr, "im Westen" eine Niederlage erlitt und somit auf Sowjetrussland beschränkt blieb. Mit diesen Problemen haben sich in der jungen kommunistischen Bewegung viele Theoretiker und Politiker, und zwar mit unterschiedlichen Bewertungen, beschäftigt. Dominierend wurde die einseitige, dogmatisierende, simplifizierende Rezeption des politischen und theoretischen Erbes von Marx, Engels und Lenin mit dem Anspruch auf ein unbestreitbares Interpretationsmonopol durch J. W. Stalin.

Im Unterschied zu ihm verkörperte Antonio Gramsci, der seit 1924 an der Spitze der KPI stand und seit 1926 sein Leben in faschistischer Kerkerhaft verbringen musste, den wohl schöpferischsten marxistischen Theoretiker nach Lenin, als dessen Schüler er sich betrachtete. Wichtige weiterführende Erkenntnisse, von denen viele noch heute Gültigkeit besitzen, hatte er in seinen Gefängnisheften niedergeschrieben, die erst nach 1947 bekannt wurden, Erkenntnisse, die an Lenin anknüpften und über ihn hinaus führten, indem sie von der veränderten Lage und den neuen Aufgaben ausgingen.

Als kommunistischer Parteiführer stand Gramsci in einer anspruchsvollen Tradition der Arbeiterbewegung, indem sein Werk eine Einheit von Theorie und Politik bildet. Palmiro Togliatti nannte Gramsci einen "Theoretiker der Politik".

Die Bedeutung der Oktoberrevolution

Die Oktoberrevolution hatte Gramsci bereits am 24. November 1917 im sozialistischen "Avanti!" begrüßt und zugleich auf deren spezifischen Charakter hingewiesen. Sie sei nicht nach dem Schema verlaufen, das das Marxsche "Kapital" vorgab und zum Beispiel von Karl Kautsky deterministisch, "mechanizistisch", wie Gramsci schrieb, interpretiert wurde.

Gramsci hielt die Entscheidung der Bolschewiki, die Revolution durchzuführen, für historisch richtig und notwendig, "damit die russische Gesellschaft nicht einem noch schrecklicheren Zusammenbruch verfällt" und den Gelüsten der (imperialistischen) Raubtiere ausgeliefert werde. Auf die historische und nationale Spezifik der Revolution ging er sodann in den Gefängnisheften konkret ein, indem er die Unterschiede in den Gesellschafts- und Machtstrukturen Russlands einerseits und der westlichen Länder andererseits benannte. So schrieb er: "Im Osten war der Staat alles, die zivile Gesellschaft war nicht ausgeprägt und war formlos; im Westen bestand zwischen dem Staat und der zivilen Gesellschaft ein richtiggehendes Verhältnis, und bei der Erschütterung des Staates offenbarte sich sofort eine robuste Struktur der zivilen Gesellschaft. Der Staat war nur ein vorgeschobener Schützengraben, hinter dem sich eine robuste Kette von Befestigungen und Kasematten verbarg."

In Russland reichte es also, für die revolutionäre Umwälzung zunächst die Staatsmacht zu erobern, während in den westlichen Ländern die "Befestigungen und Kasematten" der Zivilgesellschaft überwunden werden mussten. Für die revolutionäre Praxis sprach Gramsci deshalb – auch in Anbetracht der Lehren, die er aus dem Scheitern der Revolutionen im Westen nach den ersten Weltkrieg zog – vom "Bewegungs-(Manöver-)krieg" im Osten und vom "Stellungskrieg" im Westen. Demnach ließen sich die strategischen Erfahrungen der Oktoberrevolution nicht einfach auf Deutschland, Italien usw. übertragen, worauf bekanntlich schon Lenin hingewiesen hatte.

Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen beschäftigte sich Gramsci gründlich mit den Möglichkeiten, Umständen und Erfordernissen einer sozialistischen Revolution "im Westen", wobei er auch die neuen Veränderungen im Kapitalismus in Gestalt des Fordismus und Taylorismus in Betracht zog, die für ihn eine wesentliche Weiterentwicklung und nicht einfach eine "relative Stabilisierung", wie es die Komintern einschätzte, darstellten. Bekanntlich folgten daraus beträchtliche Modifikationen in der sozialen Situation, im politischen und sozialpsychologischen Bewusstsein der Arbeiterklasse.

Staat und Zivilgesellschaft – Herrschaft und Hegemonie

Von großer gesellschaftspolitischer und revolutionstheoretischer Bedeutung waren Gramscis Erkenntnisse über die politische Gesellschaft (sprich Staat) und Zivilgesellschaft. In der Tradition der Aufklärer und Hegels unterschied auch Marx zwischen diesen beiden Kategorien. Doch in der auf Marx folgenden marxistischen Denktradition spielten sie keine Rolle – weder bei Kautsky, bei Rosa Luxemburg noch bei Lenin. Als "politische Gesellschaft" verstand Gramsci die Gesamtheit der staatlichen, d. h. der institutionalisierten politischen, juristischen und militärischen Machtstrukturen und -instrumente einer herrschenden Klasse, kurz gesagt, den Staat. "Zivile Gesellschaft" oder "Zivilgesellschaft" hingegen umfasste demnach den nichtstaatlichen Bereich der Gesellschaft, also die gesellschaftlichen Institutionen und Organisationen, die sozialen und kulturellen Beziehungen und Aktivitäten der Menschen, den geistigen, ideologischen, religiösen Überbau der Gesellschaft.

Er wies aber zugleich darauf hin, dass er die beiden Kategorien – Zivilgesellschaft und Staat – lediglich in methodologischer Hinsicht unterscheidet, während er betont, dass sie in der gesellschaftlichen Praxis eine untrennbare Einheit bilden. Dennoch ist für die Unterscheidung die Rolle von Herrschaft als Funktion des Staates und Hegemonie als Funktion in der Zivilgesellschaft wichtig. Hegemonie in der Zivilgesellschaft setzt nämlich Zustimmung voraus und vermag die Herrschaft im Staate demokratisch zu legitimieren.

So betonte er: "Das methodologische Kriterium, auf das man die Prüfung gründen muss, ist folgendes: das Supremat einer sozialen Gruppe stellt sich auf zweierlei Art dar, als ´Herrschaft´ und als ´geistige und moralische Führung´! Eine soziale Gruppe ist herrschend gegenüber gegnerischen Gruppen, die sie selbst mit bewaffneter Gewalt zu ´liquidieren´ oder zu unterwerfen sucht, und sie ist führend gegenüber benachbarten und verbündeten Gruppen. Eine soziale Gruppe kann, ja muss führend sein, bevor sie die Regierungsmacht erobert (dies ist eine der grundsätzlichen Bedingungen für die Eroberung der Macht); danach, wenn sie die Macht ausübt und auch, wenn sie sie fest in den Händen hält, wird sie herrschen, aber sie muss auch weiterhin ´führend´ bleiben."

Um also in den westlichen, demokratisch verfassten Ländern den Kapitalismus revolutionär überwinden zu können, bedürfe es seiner Auffassung nach somit zuvor der Gewinnung der Mehrheit in der Gesellschaft, das heißt der politischen und geistig-kulturellen Hegemonie. Das dafür nötige mehrheitsfähige Bündnissystem nennt er einen neuen "historischen Block".

Auch im Sozialismus: Fortwährendes Ringen um Hegemonie nötig

Gramscis Überlegungen haben aber keineswegs nur Bedeutung für die Analyse der kapitalistischen Gesellschaft und für den revolutionären Kampf zu ihrer Überwindung, sondern auch für die Stabilität einer sozialistischen Gesellschaft. Untersucht man heute die inneren Ursachen für die Erosion und das Scheitern der realsozialistischen Gesellschaften in Europa, können einige der Erkenntnisse Gramscis sehr nützlich sein. Wie er betont, muss auch in einer sozialistischen Gesellschaft fortwährend um Hegemonie gerungen werden, damit sie von der Mehrheit der Menschen getragen wird. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, werden wesentliche Defizite in den realsozialistischen Gesellschaften deutlich. Die Notwendigkeit der Existenz und Funktion einer sozialistischen Zivilgesellschaft als Pendant zum Staat wurden missachtet. Bekanntlich formierte sich in der Endphase eine Zivilgesellschaft, allerdings nicht als Stütze, sondern als oppositionelle Struktur im Sozialismus. Gramsci spricht von der Möglichkeit des Verlusts der Hegemonie, indem sich "die gesellschaftlichen Gruppen von ihren traditionellen Parteien ..., die sie vertreten oder führen", lösen. Die Hegemoniekrise habe sodann eine Krise des Staates in seiner Gesamtheit zur Folge.

Indem Gramsci die führende Rolle der Partei im Sozialismus befürwortete, dürfe sich diese seiner Meinung nach jedoch nicht einfach "als revolutionäres Organ der Klasse proklamieren". Diese Rolle müsse sich aus der Verwurzelung in der Klasse, de facto aus der Anerkennung durch die Klasse ergeben, deren Interessen die Partei wahrnehmen und durchsetzen muss.

Bevor Gramsci den Parteivorsitz übernahm, war er Anfang der 20er Jahre Vertreter seiner Partei beim Exekutivkomitee der Komintern in Moskau, wo er erste Eindrücke von den gesellschaftlichen Umwälzungen sammeln konnte. Offenbar hatte er Grund, den "demokratischen, organischen" Charakter des Zentralismus in Partei und Gesellschaft anzumahnen und diesen einem bürokratischen Zentralismus entgegen zu stellen, den er bereits in Sowjetrussland wahrnehmen konnte.

Internationalismus

In seiner Eigenschaft als Parteivorsitzender äußerte er große Besorgnis darüber, wie die KPdSU mit ihren inneren Auseinandersetzungen (Stalin gegen Trotzki) die Prinzipien des Internationalismus verletzte. In einem Brief an das ZK der KPdSU Anfang Oktober 1926 befürwortete er zwar deren Führungsrolle in der internationalen kommunistischen Bewegung, verband dies aber mit dem Erfordernis, die Interessen der anderen Parteien zu respektieren und nicht zu missachten. Vor allem die westlichen Parteien würden in der Sowjetrepublik und der KPdSU einen einheitlichen "Kampftrupp sehen wollen, der für die allgemeine Perspektive des Sozialismus tätig ist. Nur in dem Maße, wie die westeuropäischen Massen Russland und die russische Partei unter diesem Gesichtspunkt betrachten, könnten sie freiwillig und als eine historisch notwendige Tatsache akzeptieren, dass die Kommunistische Partei der UdSSR die führende Partei der Internationale ist ... Uns scheint, dass die mit Gewalttätigkeit verbundene Entwicklung der russischen Probleme Euch die internationalen Aspekte eben dieser russischen Probleme aus den Augen verlieren lässt, dass sie Euch vergessen lässt, dass Eure Pflichten als russische Kämpfer nur erfüllt werden können und müssen im Rahmen der Interessen des internationalen Proletariats." Leider herrschte in der KPdSU bis zu dem Zeitpunkt, als sie in den 80er Jahren sich vom Internationalismus gegenüber anderen kommunistischen Parteien gänzlich verabschiedete, das Bestreben, diese Parteien den Interessen der UdSSR unterzuordnen, wodurch der Sinn des Internationalismus ad absurdum geführt wurde und zentrifugale Tendenzen in der internationalen kommunistischen Bewegung gefördert wurden.

So, wie viele theoretische, politische, strategische Auffassungen Gramscis nützlich sind, um das marxistische Denken aus der derzeitigen Krise herauszuführen und den veränderten Bedingungen entsprechend zu entwickeln, so lassen sich viele andere seiner Auffassungen nur im damaligen historischen Zusammenhang verstehen und bedürfen einer kritischen Bewertung.

Sein Erkenntnishorizont blieb auf die Verhältnisse und Erfahrungen der 20er Jahre beschränkt, wobei ihm nach seiner Inhaftierung im Oktober 1926 eine aktive Teilhabe an den politischen Kämpfen sowie konkrete Einblicke verwehrt waren. Und nach 1932 war sein Gesundheitszustand derart beeinträchtigt, dass er auch keine nennenswerten Tagebuchaufzeichnungen mehr gemacht hat. Als Folge der Kerkerhaft verstarb er in Rom im Alter von 46 Jahren am 27. April 1937.