unsere zeit - Zeitung der DKP 16. Juli 2004

 

Die zweite sandinistische Generation

Die Revolution in Kuba, einige antiquarische Exemplare der Werke von Marx und Engels und ein "gegen den Strich" gelesenes, verleumderisches Buch über Augusto C. Sandino, verfasst von dessen Mörder Somoza, waren laut Zeitzeugen die Quellen, aus denen Carlos Fonseca Anregungen für die Gründung der zweiten Generation der sandinistischen Bewegung schöpfte. Nach einer gescheiterten Guerilla-Aktion 1959, bei der er einen Lungendurchschuss erlitt, organisierte Fonseca 1961 als 25-Jähriger zusammen mit Tomás Borge und Silvio Mayorga die Frente Nacional de Liberación (FNL), die er 1962 in Sandinistische Front der Nationalen Befreiung (FSLN) umbenannte.

Fonseca gehörte zur lateinamerikanischen Studenten- und Intellektuellengeneration, die nach dem Sieg der "Bärtigen" in Kuba 1959 auch im eigenen Land Erfolgschancen für eine nationale Befreiungsbewegung sahen. Die Strategie der ländlichen Guerilla-Schwerpunkte, von denen der revolutionäre Funke auf Massenorganisationen und Bevölkerung überspringen würde, erschien ihnen als Ausweg aus der Stagnation, in der sich ihrer Meinung nach die marxistisch-kommunistischen Parteien Lateinamerikas befanden.

Die Weltwirtschafts- und Erdölkrise Anfang der 1970er Jahre, das Ende des Baumwollbooms und die Folgen der Zerstörung Managuas durch das Erdbeben von 1972 verschärften die Aggressivität der Diktatur. Der bürgerliche Oppositionsblock wurde vom Zeitungsdirektor Pedro Joaquín Chamorro angeführt, den Somoza 1978 ermorden ließ. Dadurch wuchs die Kooperationsbereitschaft von Teilen der bürgerlichen Opposition mit der antisomozistischen Volksbewegung. Obwohl die US-Regierung Carter bis zuletzt alles versuchte, das System zu retten, auch ohne Somoza, folgte auf den gescheiterten Volksaufstand vom September 1978 die siegreiche sandinistische Volksrevolution vom 19. Juli 1979.

Carlos Fonseca erlebte den Sieg nicht mehr. Er war am 7. November 1976 in einem Hinterhalt der Guardia Nacional in den Bergen Nordnicaraguas ermordet worden. In siebzehn Jahren des Kampfs waren viele FSLN-Mitglieder gefallen, andere hatten Folter im Gefängnis erlitten. Darunter das einzige überlebende Gründungsmitglied Tomás Borge, ebenso der heutige Generalsekretär Daniel Ortega, der durch eine Geiselnahmeaktion der FSLN in Managua 1974 nach sieben Jahren Kerkerhaft und Folter befreit wurde.